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Dieser Artikel wurde am 30.03.2020 veröffentlicht.

Die deutsche Wirtschaft steht aktuell einer nie dagewesenen Herausforderung gegenüber.

Eine globale Pandemie wie die Jetzige ist für alle völlig neu und daher gibt es auch kein Handbuch, welches uns durch diese Krise führt.  Von besonderer Bedeutung für die Unternehmen – im speziellen für KMUs – ist aktuell die Liquidität und die Frage, wie man schnellstmöglich an Geldmittel gelangt. Bund und Länder sind sich dieser Problematik bewusst und haben diverse Programme angesetzt, um möglich schnell, effektiv und unbürokratisch dieser entgegenzuwirken. Neben den staatlichen Hilfen sollten KMUs jetzt aktiv Finanzierungsmöglichkeiten prüfen, welche nicht nur schnell Geldmittel bringen können, sondern auch mittel- bis langfristig die eigenen Finanzen optimieren.  Denn vor den von der Bundesregierung getroffenen Corona-Maßnahmen wuchs die deutsche Wirtschaft kontinuierlich. Dass Geld im Markt ist, zeigen die deutschen Banken, welche ihr Geld trotz Negativzinsen bei der Europäischen Zentralbank parken. Somit sollten sich die Unternehmenspläne nicht nur auf das kurzfristige Überleben konzentrieren, sondern auch mittelfristige Strategien und Ziele für die Zukunft formulieren.

WO FÄNGT MAN AN?

Jedes Unternehmen ist besonders und hat ganz eigene Bedürfnisse, Ziele und Herausforderungen, welche es zu meistern hat. Der wichtigste Schritt ist eine genaue Analyse des eigenen Unternehmens.  KMUs sollten ein Konzept erstellen, welches folgende Punkte umfasst:

  1. Wie kann das kurzfristige Überleben gesichert werden?
  2. Definition einer mittelfristigen Unternehmensstrategie.
  3. Liquidität: Was ist notwendig? Können längere Zahlungsziele vereinbart werden?
  4. Kundenmanagement: Aktiv das Gespräch mit Kunden, Lieferanten und Partnern suchen und die eigene Situation erklären.
  5. Lieferketten überprüfen.
  6. Kapazitäten analysieren.
  7. Mitarbeiter: Gibt es die Möglichkeit für Home-Office, Kurzarbeit, Arbeitszeitkonten oder ähnliches?
  8. Können die Kredite bedient werden? Eventuell gemeinsame Lösungen mit dem Kreditgeber finden. Die Ausarbeitung eines solchen Konzeptes erfordert einen gewissen Aufwand, hat aber für jedes Unternehmen nicht nur einen unmittelbaren Nutzen, sondern kann auch für die Optimierung zukünftiger Prozesse und Abläufe im eigenen Unternehmen genutzt werden. 

Des Weiteren müssen KMU diesen Analyseprozess genauestens dokumentieren. So kann im Falle einer erneuten Krise auf das erworbene Wissen zurückgegriffen werden.  

Liquidität sicherstellen

Nachdem Erstellen eines solchen Konzeptes kann die Sicherstellung der Liquidität in Angriff genommen werden. Hier sollten die Hilfsangebote von Bund und Ländern wahrgenommen werden: Die Bundesregierung hat Liquiditätsgarantien in Höhe von über 400 Milliarden Euro veranlasst. Je nach Unternehmensgröße und -alter gibt es unterschiedliche Kredite, welche von der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) vergeben werden. 

Diese trägt auch den Großteil des Ausfallrisikos – zwischen 80% und 90%. Für welchen Kredit das jeweilige Unternehmen im Einzelfall in Frage kommt, kann über die Website des Bundesfinanzministeriums in Erfahrung gebracht werden. 

Grob lassen sich die Kreditarten wie folgt einteilen in den (1) KfW “Unternehmenskredit” und den (2) “ERP-Gründerkredit” und (3) “Kredit für Wachstum”. Die Kredithöhe bestimmt, welches Prüfungsverfahren zum Einsatz kommt:

  • 1-3 Millionen Euro Jahresumsatz: Wenn die Hausbank okay erteilt, dann gibt die KfW ungeprüft den Kredit frei
  • 3-10 Millionen Euro Jahresumsatz: Es prüfen jeweils die Hausbank und die KfW. Die KfW nutzt hier jedoch ein “Fast-Track” Verfahren, welches eine zügige Kreditvergabe gewähren soll.
  • Ab 10 Millionen Euro Jahresumsatz: Die KfW prüft die Kreditwürdigkeit des Antragstellers ausgiebiger. Daher sollte mit einer längeren Prüfungsdauer gerechnet werden.

Wichtig ist, dass der Kredit selbst bei der eigenen Hausbank beantragt werden muss. Hier muss bedacht werden, dass die Hausbanken unter erschwerten Bedingungen die erwartbar sehr hohe Anzahl an Anträgen bearbeiten müssen. Zudem tragen diese immer noch zwischen 10% und 20% des Ausfallrisikos. Diese Faktoren führen voraussichtlich dazu, dass die Kredite nicht sofort gewährt werden können. Je früher Unternehmen hier handeln, desto schneller können sie mit einem Kredit und somit mit frischen Geldmitteln rechnen. 

Um den Kreditvergabeprozess zu beschleunigen bzw. nicht durch fehlende Unterlagen zu entschleunigen, sollten Unternehmen ihre wichtigsten Unterlagen vorbereiten. Zu diesen gehören:

  1. Der Jahresabschluss 2018
  2. Der vorläufige Jahresabschluss 2019 oder alternativ die BWA 2019 inkl. Summen-/Saldenliste
  3. Eine kurze Situationsbeschreibung, welche eine Erläuterung der getroffenen Maßnahmen umfasst.
  4. Die vorläufige Liquiditätsplanung 2020
  5. Rentabilitätsplanungen für 2020 und 2021

Mit Hilfe dieser können sich die Banken ein genaues Bild von dem jeweiligen Unternehmen machen und erkennen, dass lediglich die aktuelle Pandemie zum Bedarf an einem Kredit geführt hat. Es ist fundamental der Hausbank darzulegen, dass es sich im Grunde um ein gesundes Unternehmen handelt.

Neben den Krediten hat die Bundesregierung Soforthilfen in Form von Zuschüssen zugestimmt. Diese sind abhängig von der Mitarbeiterzahl der Unternehmen.

  1. Unternehmen und Selbstständige bis zu 5 Mitarbeitern: 9.000€
  2. Unternehmen bis zu 10 Mitarbeiter: 15.000€

Ansprechpartner sind hier die Landesregierungen. Diese haben zumeist auch eigene Hilfsprogramme verabschiedet. Das Land Sachsen beispielsweise hat das sogenannte “Sachsen hilft sofort!” installiert. Hier handelt es sich nicht um Zuschüsse, sondern um zinslose Nachrangdarlehen. Zuständig für die Vergabe der Kredite ist die Sächsische AufbauBank (SAB). Auf der Internetseite dieser finden Unternehmen Informationen rund um den Kredit. 

Neben Krediten und Soforthilfen hat die Bundesregierung folgende Hilfsangebote für Unternehmen ausgehoben:

  1. Bürgschaftsprogramme: Der Bund ermöglicht hier die Absicherung von Betriebsmittelfinanzierungen und Investitionen.
  2. Kurzarbeit: Wenn mind. 10% der Mitarbeiter vom Ausfall betroffen sind. Zu beantragen bei der Bundesagentur für Arbeit.
  3. Stundung von Steuerzahlungen wird erleichtert. Auf Säumniszuschläge und Vollstreckungen wird verzichtet. Auch kann eine Anpassung der Steuervorauszahlungen bei dem zuständigen Finanzamt beantragt werden.

All diese Maßnahmen sind wichtig, sinnvoll und sollten von Unternehmen, soweit benötigt, in Anspruch genommen werden. Jedoch muss noch einmal darauf hingewiesen werden, dass es durch die schiere Menge an Anträgen zu langen Bearbeitungsdauern bei den zuständigen Organen kommen kann und vermutlich wird. 

Alternative Finanzierungsmöglichkeiten

Daher sollten Unternehmen alternative Finanzierungsmöglichkeiten prüfen. Zu diesen gehören bereits gängige Verfahren wie Leasing oder Factoring, aber auch immer beliebter -besonders bei jüngeren Unternehmen- werdende wie Crowdfunding. Jedes dieser hat Vor- und Nachteile, dennoch können sie Unternehmen bei der Liquiditätsbildung helfen. 

  1. Leasing: Sollten Unternehmen akut Bedarf an Produktionsmitteln haben, kann mit Hilfe eines Leasinggebers, die Nutzung über solche ermöglicht werden. Der Leasinggeber erwirbt den Gegenstand und stellt diesen dem Leasingnehmer gegen eine Gebühr zur Verfügung. Der geleaste Gegenstand bleibt aber im Besitz des Leasinggebers. Dieser kann zumeist nach Ablauf der Vertragsablauf durch den Leasingnehmer gekauft werden. Ein zusätzlicher Vorteil ergibt sich dadurch, dass zumeist die Kosten für Korrentkredite gesenkt werden können.
  2. Factoring: Hier verkauft ein Unternehmen seine Forderungen an einen Dritten, den sogenannten Factor. Zumeist geschieht dies in Form von Waren- bzw. Rechnungsbündeln über eine festgelegte Vertragslaufzeit. Der Vorteil ist die schnelle Generierung von Geldmitteln und das neben den Forderungen auch das Ausfallrisiko auf den Factor übergeht. Auch können so eventuell Einsparungen im Personalwesen generiert werden, wenn man konsequent auf Factoring setzt. Jedoch zahlt der Factor zumeist nur ca. 80%-90% des Bruttorechnungspreises. 
  3. Finetrading: Dies ist eine Form der Warenvorfinanzierung. Ein Unternehmen A beauftragt einen Finetrader, einen bestimmten Gegenstand von Unternehmen B zu kaufen. Der Finetrader gibt den von ihm gekauften Gegenstand direkt an Unternehmen A, unter der Pflicht des verlängerten Zahlungsziels, weiter. Auch begleicht er sofort die Rechnung die Unternehmen B an ihn ausgestellt hat. Allerdings fordern Finetrader für ihre Dienste eine Gebühr, welche durch die Bonität des Auftraggebers und die Dauer des Zahlungsziels bestimmt wird. Vorteile neben den längeren Zahlungszielen, sind die Gewährung von Skonti, steigende Unabhängigkeit von Finanzdienstleistern durch Diversifizierung und Entlastung der Kredit- und Kontokorrentlinie bei der Hausbank .

Diese Finanzdienstleistungen sind bereits fest am Markt etabliert, jedoch nutzen noch nicht alle KMUs solche, obwohl sie davon profitieren können. Neben diesen Dienstleistungen haben sich besonders durch die Digitalisierung neue Formen von Investition und Finanzierung aufgetan. Seit der Finanzkrise von 2008 geht der Trend verstärkt in Richtung Investition durch Private. Besondere Aufmerksamkeit sollten Unternehmen folgenden Möglichkeiten schenken: 

  1. Crowdlending: Beschreibt eine Form der Kreditvergabe. Die Vermittlung zwischen Kreditnehmer und Kreditgebern erfolgt via Online-Portalen. Hier können einzelne Kreditgeber individuell einen Betrag bestimmen, welchen sie an ein von ihnen bestimmtes Unternehmen verleihen möchten. In der Regel werden die jeweiligen Geldbeträge zu einem einzelnen Kredit zusammengefasst, an dessen sich die Gebühr, welche die Plattform erhebt, bemisst. Die einzelnen Kreditgeber erwarten im Gegenzug zumeist eine Zinszahlung.  
    1. Peer-to-Business-Lending: Weist bis auf die Crowd (engl. Menge; Masse) die gleichen Merkmale auf. Hier kann jedoch eine einzige Privatperson den ganzen Kreditbetrag gewähren. Unternehmen sollten mit höheren Zinssätzen rechnen.
    2. Social-Lending: Hier wird ein unverzinster Kredit gewährt. Zumeist für soziale Projekte oder Unternehmungen. In der aktuellen Situation könnten aber auch KMUs von dieser Form der Finanzierung  profitieren, wenn sie stark in die Gemeinschaft integriert sind und/oder ein integraler Bestandteil dieser sind.
  2. Crowdinvesting: Ist eine Finanzierungsform bei der sich zumeist viele Kleininvestoren direkt an einem Unternehmen beteiligen. Zumeist sind diese stille Beteiligung, Genussrechte und partiarische Darlehen. Typisch hierfür sind kleine Investitionsvolumen der einzelnen Investoren, daher sollte neben einer positiven Zukunftsprognose auch eine große Menge an potentiellen Investoren angesprochen werden. Diese erhoffen sich im Gegenzug in der Regel eine hohe Rendite. Die Kontaktaufnahme bzw. die Abwicklung des Prozesses geschieht über Online-Plattformen. Diese Form der Finanzierung weist seit Jahren hohe Wachstumsraten auf.
  3. Crowddonation: Ist eine Form der Spende. Auch hier geschieht das ganze über eine Online-Plattform.

Diese Finanzierungsformen sind unter anderem gemeint, wenn von Crowdfunding die Rede ist. Crowdfunding bietet für alle Unternehmen in der jetzigen Situation enorme Chancen. Nicht nur können individuelle Bedürfnisse klar kommuniziert werden, zudem geschieht die Kontaktaufnahme und auch die Vermittlung online. 

Ein weitere Option online die richtigen Finanzierungsform zu finden, bieten die sogenannten FinTechs. Dies sind Finanzdienstleister, die Finanzdienstleistungen und Technologie vereinen. Sie decken unter anderem den Banken-, Versicherungs- und Anlagesektor ab. 

Auch Crowdfunding-Plattformen können als FinTechs betrachtet werden.  Neben solchen reinen Vermittlungsplattformen gibt es auch FinTechs, welche individuelle und maßgeschneiderte Lösungen für Unternehmen anbieten. Factoring, Lagerbestandskredite, Kreditvermittlung, Finetrading und Private-Equity können über FinTechs vermittelt werden. 

Rund 60% der Firmenkunden-FinTechs bieten Finanzierungsmöglichkeiten an. Bereits jetzt sind viele von ihnen auf KMUs spezialisiert. Speziell im Bereich Private-Equity können Unternehmen in der aktuellen Lage von FinTechs profitieren. Erstens kann durch Private-Equity Eigenkapital gewonnen werden. Zweitens bieten FinTechs besondere Vorteile, da sie modernste Technologien und Anwendungen vereinen und verwenden. Dazu gehört die schnelle Reaktion auf Anfragen, denn die Kontaktaufnahme und auch der Vertragsabschluss geschieht online.  Sie können dabei auf große Datenbanken zurückgreifen, um so Unternehmen z.B. einfach zu einem unbesicherten Kredit zu verhelfen.  

Allgemein lässt sich sagen, dass FinTechs schneller und flexibler im Vergleich zu Hausbanken arbeiten. Für viele KMUs spielt die Zukunftssicherheit eine entscheidende Rolle in der Zusammenarbeit mit einem Finanzdienstleister. Da viele FinTechs recht junge Unternehmen sind, sollten KMUs sich genauestens vor einer Partnerschaft über das jeweilige FinTech informieren. Denn ein Risiko, dass dieses Insolvenz anmelden muss, ist gegeben. Jedoch hat der Markt sich in den vergangen Jahren schon konsolidiert und wird dies in Zukunft verstärkt tun. Somit werden sich die potenten FinTechs noch stärker am Markt etablieren. 

Wie geht es weiter?

Unternehmer und Unternehmen sollten sich trotz den Widrigkeiten der aktuellen Situation ihren Handlungswillen und ihre Handlungsbereitschaft bewahren. Auch jetzt kann aktiv an der Zukunft des Unternehmens gearbeitet werden, obwohl der akute Überlebenskampf überwiegen mag. Neben den staatlichen Hilfsmaßnahmen gibt es alternative Finanzierungsmöglichkeiten, welche für die schnelle Beschaffung von Geldmitteln zur Verfügung stehen. So können Unternehmen sich auch für die Zukunft breit aufstellen. Da alle Marktteilnehmer im gleichen Boot sitzen, muss in diesen Zeiten offen und bewusst mit allen Geschäftspartnern kommuniziert werden. So sollen gezielt gemeinschaftliche Lösungen gefunden werden.

Der Podcast zum Thema